Ist das wirklich wahr?

Nein, natürlich nicht. Denn was ist schon wahr? Über unterschiedliche Perspektiven und Konsequenzen für Coaching und Beratung.

Moritz Pfeiffer studierte Geschichte und interviewte seinen Großvater über dessen Erlebnisse während des Zweiten Weltkrieges. Die Erzählungen waren spannend und fesselten den Enkel, der sich anschickte, die Erinnerungen seines Großvaters in die geschichtswissenschaftlichen Forschungsergebnisse einzubinden. Was ihm nicht gelang. Denn es zeigte sich, dass die Darstellungen des Großvaters kaum mit den nachprüfbaren Fakten der Geschichtsschreibung in Einklang zu bringen waren, mehr noch, sie widersprachen diesen.

Bestimmte Episoden konnten so gar nicht stattgefunden haben, wie der Großvater sie erzählte. Doch selbst als Moritz Pfeiffer ihn mit den Fakten konfrontierte, blieb er bei seiner Darstellung. War der Großvater ein Lügner, sagte er die Unwahrheit?

Jeder meint, dass seine Wirklichkeit die wirkliche Wirklichkeit ist.

Paul Watzlawick

Bei Volker Gadenne lese ich: „(…) was Menschen nach einiger Zeit erinnern, entspricht oft nicht genau dem, was sie wahrgenommen haben, sondern ist nachweislich beeinflusst durch das, was sie für möglich und wahrscheinlich halten.“ Wir Menschen konstruieren uns unsere Lebenssituation. Wir können nicht objektiv die Welt und unsere Umgebung wahrnehmen. Was wir zu wissen glauben, ist, wie Gadenne anlehnend an Jean Piaget sagt, nicht die „Kopie der Wirklichkeit …, sondern vielmehr (das) (…) Ergebnis der Anpassung.“ Was wir hören und sehen, bewerten wir vor unserem eigenen biografischen Hintergrund, unseren Erfahrungen, unserer Erziehung, unseren Ideen von Moral und Anstand.

Der Artikel ist 2018 erschienen in Praxis Kommunikation. Angewandte Psychologie in Coaching, Training und Beratung Ausgabe 2/2018